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Und plötzlich klingelte das Telefon.

Autorenbild: Christoph Iglhauser
Christoph Iglhauser
19. Nov. 2022
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Aug.

Es war ein verregneter Donnerstagnachmittag. Ich saß mitten in einer Videokonferenz mit dem Generalsekretär eines österreichischen Sportfachverbandes, als mein Handy läutete. Draußen prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben und ehrlich gesagt hatte ich an diesem Tag wenig Lust, das Haus überhaupt noch zu verlassen. Auf dem Display erschien der Name meines Onkels Bernhard. Familie hatte bei uns immer Vorrang. Also entschuldigte ich mich kurz und nahm den Anruf entgegen.


„Christoph, es brennt. Ich brauche dringend deine Hilfe.“ Zehn Minuten später saß ich im Auto.


Ich musste schmunzeln. Wer meinen Onkel kannte, wusste: Wenn ihn ein Projekt packte, gab es keinen Aufschub. Eigentlich wollte ich ihn nur ein wenig unterstützen, weil Not am Mann war. Vielleicht bei Fotos, beim Layout oder bei organisatorischen Dingen. Damals konnte ich nicht ahnen, dass daraus eines der persönlichsten Projekte meines Lebens entstehen würde.


Kurze Zeit später saß ich bei ihm im Wohnzimmer an seinem Schreibtisch. Aus einem Besuch wurden zwei. Aus zwei wurden viele. Eine Zeit lang führte mich fast jeder Vormittag zu ihm. Kaum war der Kakao eingeschenkt, ging es los. Zwischen alten Fotografien, Zeitungsartikeln und historischen Dokumenten verloren wir oft völlig das Zeitgefühl. Dass mein Onkel nach einem schweren Unfall permanent auf Hilfe angewiesen war, hielt ihn nie davon ab, mit unbändiger Neugier und Begeisterung an seinen historischen Projekten in Thalgau zu arbeiten.


Was als kleine Unterstützung begann, wurde Schritt für Schritt zu einem gemeinsamen Projekt. Vor allem aber lernte ich einen Menschen noch einmal von einer ganz neuen Seite kennen. Aus einem gemeinsamen Projekt wurden viele gemeinsame Vormittage. Heute gehören sie zu den wertvollsten Erinnerungen, die ich mit meinem Onkel verbinde.


Dann kam ein Tag, auf den niemand vorbereitet sein kann.


Damals wusste ich noch nicht, wie kostbar diese gemeinsamen Vormittage einmal für mich werden würden. Mit dem Tod meines Onkels wurde aus einer Unterstützung Verantwortung. Für mich stand nie zur Diskussion, das Buch „Mythos Schober“ nicht fertigzustellen. Ich wollte sein letztes Werk so zu Ende bringen, wie wir es gemeinsam begonnen hatten.


Wochenlang arbeitete ich an Texten, Bildern und Quellen. Immer wieder fragte ich mich, wie Bernhard eine Passage formuliert oder welche Geschichte er an dieser Stelle erzählt hätte. Am Ende hielt ich ein Buch mit mehr als 360 Seiten und rund 350 historischen Bildern und Originaldokumenten in den Händen.



Im November 2022 stand ich schließlich in der Turnhalle der Mittelschule Thalgau vor knapp 500 Besucher:innen. Der Alpenverein Thalgau feierte sein 50-jähriges Jubiläum und ich durfte „Mythos Schober“ erstmals öffentlich präsentieren. Zuhause aufzutreten fühlt sich anders an. Viele im Publikum kennen dich – und viele kennen deine Familie. Genau deshalb war ich angespannter als bei vielen Vorträgen zuvor.  



Mit einem Augenzwinkern meinte ich, dass Extrembergsteiger Peter Habeler zwar auf dem Mount Everest gestanden habe, den 1.329 Meter hohen Schober in Thalgau aber vermutlich noch nicht kenne. Das Schmunzeln im Saal nahm mir die Anspannung. Danach durfte ich stellvertretend für meinen Onkel sein letztes Buch vorstellen.


An diesem Abend wurde mir bewusst, dass aus einem einzigen Telefonat viel mehr entstanden war als ein Buch. Es entstanden Freundschaften, die bis heute bestehen – allen voran mit Alpenverein-Obmann Rudi Schrofner. Vor allem aber blieb die Dankbarkeit, diesen Weg gemeinsam mit meinem Onkel gegangen zu sein.


Wenn ich heute an diesen verregneten Donnerstagnachmittag zurückdenke, denke ich nicht an die Videokonferenz.


Ich denke an meinen Onkel.


An den Schreibtisch im Wohnzimmer.


An die vielen gemeinsamen Vormittage.


Und daran, dass aus seiner Bitte um Hilfe eines der wertvollsten Kapitel meines Lebens geworden ist.


Du interessierst dich für das Buch "Mythos Schober"? Dann schreibe mir gerne unter: christoph@ci-media.at




 
 
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